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Schuld in der Trauerarbeit

 

Gerade in der Arbeit mit Angehörigen nach einem Todesfall nehmen Schuldgefühle einen großen Raum ein. Häufig werden die Hinterbliebenen noch jahrelang von Vorwürfen, die sie sich selbst oder anderen machen gequält.

 

Hätte ich das doch nur irgendwie verhindert?

Hätte ich doch nur dafür gesorgt, dass er zum Arzt geht?

Hätte ich doch nur verhindert, dass sie in das Auto steigt?

Ich hätte doch wissen müssen, dass es ihm nicht gut geht! Wie konnte ich das übersehen?

Ich hätte mich einfach noch besser um sie kümmern müssen.

Warum bin ich weggegangen und habe ihn alleine gelassen?

 

Trauernde bleiben oftmals mit einem Rucksack an verschiedenen Gefühlen zurück, die nur schwer aushaltbar sind. Am schwersten davon ist jedoch das Gefühl der Hilflosigkeit. Nichts tun zu können, das Geschehene nicht mehr rückgängig machen zu können…

 

Schuldgefühle können hier eine Art Schutz sein, Schutz vor Hilflosigkeit. Denn sie liefern eine Erklärung für Unerklärbares, helfen zu verstehen und die Verbindung zum Verstorbenen aufrecht zu erhalten. Schuldgefühle können also eine Schutzfunktion einnehmen um die Leere, die der Verstorbene hinterlassen hat und die eigene Hilflosigkeit aushalten zu können. Schuldgefühle nehmen so, einen Nutzen für die Hinterbliebenen ein. Dieser Ansatz stammt von der Trauerberaterin Chris Paul, die sich stark mit dem Thema Schuld in der Trauerarbeit beschäftigt hat (1).

 

Schuldgefühle können aber auch als Folge von zu hohen Erwartungen an uns selbst entstehen. Wir müssen zwischen irrealen und realen Schuldgefühlen unterscheiden. Irreale Schuldgefühle stellen eine große Last dar, überrollen uns und stehen in keiner Relation zur tatsächlichen Verantwortlichkeit. Gleichzeitig stellen sie auch einen Bezug zur Vergangenheit dar, man dreht sich gedanklich im Kreis (Hätte ich doch…).

 

In der Trauerarbeit kann es daher wichtig sein, die Schuldgefühle zu prüfen. Welche Funktion erfüllen sie? Sind sie das Ergebnis von überzogenen Erwartungen an mich selbst? Was ist mein tatsächlicher Anteil am Geschehenen? Dieses Hinterfragen der irrealen Schuldgefühle kann eine Entlastung bringen und helfen, das Geschehene anzunehmen.

 

Sind Schuldgefühle jedoch ein Wunsch nach Verbundenheit mit der verstorbenen Person, dann besteht manchmal gar kein Interesse daran, die Schuldgefühle zu verlieren. Denn das würde bedeuten, auch diese Bindung loslassen zu müssen. Die Unterstützungsarbeit wird sich also darauf konzentrieren, andere Aspekte der Beziehung zu finden, um das Bedürfnis nach Verbundenheit erfüllen zu können (z.B. Liebe, Dankbarkeit). So kann die Schuld als belastender Beziehungsanteil langsam in den Hintergrund treten.

 

Wie Menschen trauern ist sehr individuell. Dennoch nimmt das Thema Schuld in den meisten Fällen einen großen Stellenwert ein und die Auseinandersetzung damit ist in der Unterstützungsarbeit wesentlich.

 

(1) Quelle: Chris Paul: Schuld Macht Sinn. Gütersloher Verlagshaus, 2010